Frischer Brasilianer

Bevor in den 80er Jahren eine Caipirinhawelle ohne gleichen durch die deutschen Bars fegte, wusste eigentlich keiner der Aficionados dieses Lieblingsgetränks der Brasilianer, was es denn mit dem Vater dieses Cocktails, dem Cachaça, auf sich hatte, geschweige denn worum es sich bei dieser Basis handelt. Auch heute ist der Nationalschnaps vom Zuckerhut noch oft eine unbekannte Größe.

Das läßt sich unter anderem in vielen Barkarten der Republik ablesen, in denen Cachaça immer noch unter “Rum” geführt wird. Natürlich handelt es sich dabei auch um ein Zuckerrohr-Destillat, allerdings ist hier die Basis weder Melasse, noch - wie beim Rhum Agricole - frisches, sondern frisches, aber noch unreifes Zuckerrohr. Hinzu kommt die Reifung im Fass: im Unterschied zu den karibischen Bränden, die in gebrauchten Whiskeyfässern aus den USA (z.B. Jamaica) oder gebrauchten Cognacfässern (z.B. Martinique) reifen, altern Cachaças (teilweise auch die weißen) fast ausschließlich in brasilianischem Holz, und das ist härter als Eiche und gibt daher nicht so viele Aromen ab.

Wie viele Brennereien es in Brasilien gibt, dürfte kaum ein Mensch wissen. Denn da müssten immer noch die illegalen hinzu gezählt werden. Experten gehen von mehr als 30.000 aus. Eines allerdings steht fest: nach der weltweiten Nummer 1 im Spirituosenmarkt, Vodka, und der Nummer 2, Sochu (oder Soju, einem mehr oder weniger neutralen Sprit aus den asiatischen Ländern), ist die Nummer 3 schon Cachaça - mit mehr als 1,3 Milliarden Litern. Die Brasilianer unterscheiden zwischen industriell hergestelltem und Cachaça artesanal. Ersterer kommt aus der Region zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo, letzterer aus dem Minas Gerais, dem größten Bundesland Brasiliens mit der Hauptstadt Belo Horizonte. Genauer: rund 44 Prozent kommen aus dem Bundestaat Sao Paulo, zwölf Prozent aus Pernambuco, ebenso aus Cearé und etwa acht Prozent aus dem Minas Gerais, ebenso viel aus Paraiba. Eine Milliarde Liter stellen die “Großen” her, von den kleinsten Brennereien stammt nicht einmal eine halbe Million Liter. Nur etwa ein Prozent der Gesamtmenge geht ins Ausland, das waren im Jahre 2005 ganze zwölf Millionen Liter.